Pressemitteilung:
Bad Nauheim, 09. November 2011
Stoll-Gelände
Großmarktplanung der Stadt gerät zum Notverkauf
![]() | |
Die SPD sehe sich durch dieses Eil-Verfahren in ihren Zweifeln am Sinn des Projektes bestärkt. Lebensfähig, lebendig und attraktiv könne die Innenstadt nur sein, wenn neben dem Wohnen, der Gastronomie und kulturellen Einrichtungen auch ansprechender Einzelhandel existiere. Deshalb habe die SPD immer verlangt, dass vor einer Entscheidung für die Märkte „auf der grünen Wiese“ der innerstädtische Einzelhandel und die Bürger beteiligt werden und Einfluss nehmen sollten. Schließlich habe die Agendaarbeit der letzten 10 Jahre gezeigt, dass Bürgerbeteiligung reiche Früchte tragen könne. Aber gerade den dabei formulierten Zielen für die städtische Entwicklung widerstrebe das Großmarktprojekt.
In den vergangenen Jahren seien durch massiven Einsatz von öffentlichen Geldern, z. B. für die Parkstraße und die Trinkkuranlage, durchaus positive Voraussetzungen für die Innenstadtentwicklung gesetzt worden. Das solle durch Fördermittel für das Projekt „östliche Innenstadt“ auch fortgesetzt werden. Fördern könne man aber nur, wenn sich Privatpersonen entschlössen, mindestens drei Viertel der Kosten selbst zu tragen. Welcher Einzelhändler werde sich aber zu einer solchen Investition in der Innenstadt entschließen, wenn gleichzeitig seine potentielle Kundschaft zu den Großmärkten am Rande der Stadt geleitet werde? Das Stoll-Projekt konterkariere so die Belebung der Innenstadt.
Die SPD könne den grundsätzlichen Bedarf für ein zweites Großmarktzentrum in Bad Nauheim nicht erkennen. Lebensmittelmärkte gebe es genug und sie stünden auch da, wo sich die Neubaugebiete in den letzten Jahren rasant entwickelt hätten. Unterhaltungselektronik gebe es ebenso bereits mit genügend Wettbewerb, wenn man die nur wenige 100 Meter entfernten Friedberger Märkte berücksichtige. Es sei deshalb eben nicht so, dass weiterer Wettbewerb das Geschäft belebe. Jeder Verbraucher könne sein Geld nur einmal ausgeben. Deshalb werde sich zwangsläufig der Umsatz mehr verteilen und den einen oder anderen älteren Markt zur Schließung reif machen. So habe z. B. der von den weniger mobilen älteren Bürgern in der Innenstadt so dringend benötigte Lebensmittelmarkt in der Stresemannstraße in den vergangenen Jahren bereits mehr als einmal haarscharf auf der Kippe gestanden.
Wenn es denn irgendwo noch einer Angebotsabrundung bedürfe, wie möglicherweise bei Sportartikeln, dann solle der Markt da angesiedelt werden, wo sich schon ein Haufen anderer befinde, nämlich „ Im langen Morgen“. Die Verbraucher seien daran interessiert, nach Möglichkeit alles Angebot an einem Standort zu finden. Deshalb sei auch überall die typische Ballung aller Konkurrenzunternehmen auf einem Fleck zu beobachten. Das zweite Marktgebiet in Bad Nauheim werde demnach lediglich mehr Verkehr rund um die Schwalheimer Straße verursachen, wo Klinken und Anwohner dann gerade mal 2 Jahre die Segnungen der Verkehrsverlagerung auf die B3a genossen haben werden. Das sei für eine „Gesundheitsstadt“ kontraproduktiv.
Ganz und gar unverständlich sei aber, dass eine „Gesundheitsstadt“ sich jetzt mal eben einen großen Fastfood-Betrieb zulegen und den auch noch bewusst und skrupelfrei direkt vor ihr Schulzentrum setzen wolle, so als ob es in der Welt nicht schon genügend fehlernährte und übergewichtige Kinder gäbe. Dabei rühme sich die Stadt andererseits, das preisgekrönte KIKS UP-Projekt ins Leben gerufen zu haben, um Kindern und Jugendlichen den Sinn für gesündere Ernährung näher zu bringen. Und im Schulzentrum habe der Wetteraukreis erst vor wenigen Jahren etwa eine halbe Million für den Bau einer Mensa investiert, nachdem sich die Stadt gemeinsam mit Lehrer-, Schüler- und Elternvertretungen jahrelang für ein Angebot an gesundem Essen während der zunehmend längeren Schulzeiten eingesetzt hatten. Das alles werde durch den zu befürchtenden „Hamburger-Tourismus“ unterlaufen.
Triebfeder für das alles sei offensichtlich ausschließlich der finanzielle Aspekt. Deshalb solle jetzt auch das Konzept der Werner-Gruppe den Zuschlag erhalten, obwohl es unter architektonischen, städtebaulichen und Umweltgesichtspunkten betrachtet deutlich schlechter abschneide. Beispielsweise sehe es viel weniger Grün vor und es sei nicht geprüft, wie der fensterlose Querriegel-Komplex längs der Usa auf die Windbewegung und das Kleinklima in der Talaue wirke.
Gerechtfertigt werde die Entscheidung pro Handel genau wie vor 15 Jahren damit, dass es gelte, einen Kaufkraftabfluss aus Bad Nauheim in 2-stelliger Millionenhöhe zu verhindern. Die Lösung dafür sei aber garantiert nicht die vorgesehene Ausweitung des Angebotes hier bereits ausreichend vorhandener Ware. Fehlendes – wie beispielsweise Möbel – könne aber in Bad Nauheim mangels Kaufkraftgröße und benötigter Riesenfläche gar nicht dargestellt werden. Außerdem habe dieses Argument nur dann einen Sinn, wenn die in der Stadt gehaltenen Umsätze nicht überregionalen Großkonzernen zuflössen, sondern regional ansässigen Kaufleuten, die hier ihre Steuern zahlen, Arbeitsplätze schaffen und durch neue Investitionen für wirtschaftlichen Aufschwung sorgten. Bekanntlich sei die Zahl der Arbeitsplätze in Filialen von Handelsketten gering, die Umsatzsteuerzahlung am Ort minimal und die Einkommensteuer werde wo anders bezahlt.
Nach allem halte die SPD die rare Bad Nauheimer Gewerbefläche für vergeudet, wenn sie wie geplant mit Handel belegt würde. Man müsse sich bei weitem aktiver um die Ansiedlung von Handwerk, stadtverträglicher Industrie und zukunftsorientierte Dienstleistungsbetriebe bemühen, die mit qualifizierten Arbeitsplätzen und gutverdienenden Mitarbeitern zum Aufschwung der Kommune beitrügen. Angesichts der Tatsache, dass man noch im „Speckgürtel Frankfurts“ liege und eine überragende Wohnqualität biete, seien die Erfolgsaussichten keineswegs gering zu bewerten. Die neue Stadtführung brauche deshalb nicht kleinmütig zum dürren Strohhalm „Handel“ greifen.
Meldungen:
Beteiligung des Einzelhandels und der Bürgerschaft steht aus
Bürgerschaft und Einzelhandel einbeziehen
Dokumente:
Bürgerbeteiligung Stollgelände





