Pressemitteilung:
Bad Nauheim, 04. November 2011
50 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei
"Goldene Hochzeit" mit Höhen und Tiefen
Dank an "Erste Generation" - Chancengleichheit überfällig
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Es seien Erfolgsgeschichten aber auch viele Enttäuschungen und Missverständnissen, die das Zusammenleben der letzten 50 Jahre mit sich brachte. Die Geschichte der Einwanderung müsse endlich auch Eingang in die Schulbücher und Lehrpläne finden, so Sert weiter, da es die Geschichte der Bunderepublik Deutschland maßgeblich geprägt habe. Dazu könne das 50. Jubiläum ein Anlass sein. Vor allem aber sei es ein Anlass, der doppelten Staatsbürgerschaft und dem kommunalen Wahlrecht für jene, die ohne Deutschen Pass in diesem Land leben, neue Impulse zu geben. Nachdenklich machen sollte die Tatsache, dass 2010 mehr türkischstämmige Menschen ausgewandert sind, als nach Deutschland eingewandert. Vor allem junge türkisch-stämmige Akademiker, die wir in Deutschland dringend brauchen.
Allein der Blick in den Saal bei der Festveranstaltung der Ausländerbeiräte Bad Nauheim und Friedberg in der voll besetzten Dankeskirche genügte, um zu verstehen, dass das Deutschland von heute ein anderes ist als das Deutschland vor 50 Jahren, weil es weltoffener und damit lebenswerter geworden ist. Weil es ein Land geworden ist, in dem Vielfalt zum Alltag gehört.
50 Jahre deutsch-türkisches Zusammenleben in Deutschland ist trotz aller Anstrengungen und Reibungen ein richtig große individuelle, wirtschaftliche und auch demokratische Erfolgsgeschichte, wie die ganz persönlichen Lebensläufe von Ali Bulut und Sinan Sert, den beiden kurstädtischen SPD-Stadtparlamentariern verdeutlichen.
Eine Erfolgsgeschichte, denn Millionen Menschen sind in den letzten 50 Jahren nach Deutschland eingereist und sind hier sesshaft geworden, und auch ganz und gar angekommen. Menschen, die ganz oft aus schwierigen Lebensbedingungen in der Türkei in unbekannte und auch oftmals andere schwierige Lebensbedingungen in Deutschland gekommen sind. Einwanderung ist nirgendwo auf der Erde einfach. Weg zu gehen und weit weg neu anzufangen, erfordert enormen persönlichen Mut und individuelle Anstrengung und Leistung. Das geschafft und bewältigt zu haben, ist für alle Einwanderinnen und Einwanderer der ersten Generation und ihre Familien ein ganz persönliche Erfolgsgeschichte, vor der wir großen Respekt haben können.
Und natürlich ist es für unser gemeinsames Land Deutschland auch eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, denn die Menschen, die seit 50 Jahren zu uns gekommen sind, haben dieses zerstörte Land zusammen mit den Deutschen wieder aufgebaut und wirtschaftlich wohlhabend gemacht.
Es ist aber auch eine demokratische Erfolgsgeschichte, denn Deutschland hat sich verändert. Es hat an Vielfalt gewonnen: kulturell, intellektuell und sozial. Deutschland ist innovativer, kreativer und internationaler geworden. Und es hat nicht etwa an Identität verloren, sondern es hat viel hinzugewonnen und hat seine Identität erweitert. Trotz mancher Rückschläge und trotz vieler immer noch existierender Vorurteile: verglichen mit dem Deutschland der 60er und 70er Jahre ist Deutschland auch durch die Zuwanderung weltoffener, toleranter und gelassener geworden. In diesem Sinne ist unser gemeinsames Land auch demokratischer geworden.
50 Jahre Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland und 50 Jahre Zusammenleben in Deutschland ist also ganz gewiss eine Erfolgsgeschichte, auf die viele ganz persönlich aufgrund ihrer eigenen Lebens- und Familienleistung stolz sein können, aber wir auch alle gemeinsam. Das Problem ist nur: Wir erzählen über diese Erfolgsgeschichte viel zu wenig.
Stattdessen bestimmen die - natürlich auch bestehenden - Probleme die öffentlichen Debatten und damit auch das öffentliche Bewusstsein. Damit es nicht falsch verstanden wird: Segmentierungen in den Städten und Stadtteilen, Bildungsprobleme, fehlende gleiche Teilhabe und Partizipation, kulturelle, politische und religiöse Differenzen und auch Überfremdungsängste muss und darf man nicht verschweigen.
Aber eines ist sicher: es gibt weitaus mehr Beispiele für gelingendes und gelungenes Zusammenleben von Türken oder Türkischstämmigen in und mit der Mehrheitsgesellschaft als schlechte Beispiele. Und wer das Zusammenleben in Deutschland weiter verbessern will, muss über diese guten Beispiele reden, denn an ihnen lernt man mehr als an den schwierigen oder schlechten.






