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Die optimale soziale Ungleichheit
Ein Beitrag von Axel Bertrand
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Die momentane Situation in Griechenland vor Augen, habe ich mich gefragt, wie viel Druck eine Gesellschaft als Ganzes absorbieren kann, bevor der soziale Friede aufhört zu existieren. Lässt man die Situation an den Finanzmärkten außer acht und verfolgt in den Medien die etwas spärlicher publizierten Berichte über die Streiks und die Unruhen in Griechenland, kann man sehen, dass eine Gesellschaft sich nicht alles diktieren lässt, was die Regierung für notwendig erachtet. Insbesondere scheint es darum zu gehen, dass einmal erreichte Niveaus an individuellem Wohlstand ungern verlassen werden. Erst recht nicht dann, wenn nicht klar ist, was das Ergebnis dieses Verzichts auf Wohlstand für die eigene Zukunft bedeutet.
Es ist für diese Betrachtung unerheblich, wie diese Situation in Griechenland entstanden ist. Verschuldet (im doppelten Sinne) oder nicht, spielt keine Rolle. Allein die Beobachtung, dass Menschen auf die Straße gehen und lautstark ihren Unmut äußern über das, was ist, zählt. Ähnliche Beobachtungen (wenn auch ungleich militanter) haben wir im Nahen Osten und Nordafrika manchen können. Die Menschen gehen auf die Straße, sie kämpfen und sie sterben auch dafür, dass sich etwas ändert in der Gesellschaft.
Die Griechen möchten heute nicht auf persönlichen Wohlstand verzichten, damit sich das Land in ferner Zukunft wieder Geld an den Finanzmärkten zu günstigen Konditionen leihen kann. Sie vertrauen ihrer Regierung nicht, dass nach dem Verzicht Besserung eintritt. Die Tunesier, Algerier, Lybier und andere Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten kämpfen für ein Niveau an Freiheit und Wohlstand, dass sie noch nie gekannt haben. Allerdings sind sie der Meinung, dass ihnen dies zusteht. Ich distanziere mich hier bewusst von jeder ethischen Wertung des Geforderten. Es geht allein um die Frage: Wie entstehen solche Bewegungen?
Die Antwort, die sich förmlich aufdrängt ist, dass es sich offensichtlich um ein hohes Maß an sozialem Unfrieden handelt, welcher über längere Zeit in der Gesellschaft wachsen konnte. Ich denke, es geht hier um erlebte Ungleichheit. Die Menschen geben sich nicht mehr mit dem zufrieden, was für sie aktuell erreichbar ist. Sie vergleichen ihre jetzige Situation mit der Situation aus der Vergangenheit (Griechenland) oder anderer, freier Staaten, deren Menschen ein höheres Maß an Wohlstand genießen dürfen und sind der korrupten Führung überdrüssig (Naher Osten, Nordafrika).
Genau diese Korruption ist es, die Unfrieden stiftet. Einige bereichern sich auf Kosten vieler. Solange diese Bereicherung nicht übermäßig im Vergleich zur eigenen Lebenssituation stattfindet, ist der Mensch zufrieden. Das bedeutet noch lange nicht, dass er glücklich ist, aber eben zufrieden. Erst wenn das Maß für genügend viele Menschen voll ist und sie durch dann frei werdende gruppendynamischen Prozesse Macht erlangen, können wir solche Tumulte beobachten. In Deutschland haben wir glücklicherweise ein solches Niveau der Unzufriedenheit noch nicht erreicht. Aber wir sollten uns vor Augen führen, dass dies in unserem Land sehr wohl stattfinden kann. Ich erinnere an Georg Büchners einprägsame Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ in der Vormärzbewegung des 19. Jahrhunderts. Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten hätte womöglich ohne den Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und er damit erlebten Ungleichheit nie einen so fruchtbaren Boden vorgefunden.
In einer Demokratie verhält es sich meiner Meinung nach ähnlich, wie in gruppenbezogenen Arbeitsprozessen. Mittlerweile ist gut erforscht, unter welchen Bedingungen die Gruppenarbeit bessere Ergebnisse liefert als Einzelarbeit. Es geht dabei vor allem um zwei Aspekte. Erstens muss die Gruppe mit Mitgliedern unterschiedlicher Fähigkeiten besetzt werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Mitglieder nicht zu unterschiedlich sind, da sonst die Kommunikation untereinander leidet. Das führt zu schlechten Ergebnissen. Zweitens ist jedem eine genau spezifizierte Teilaufgabe zuzuweisen, die er selbst vorbereitet und anschließend mit den anderen Gruppenmitgliedern zu einem Ganzen zusammenfügt. Beachtet man diese Grundsätze nicht, kommt es zur in Teams gefürchteten „Trittbrettfahrer“ Mentalität. Hier heißt dann die Übersetzung von TEAM -Toll Ein Anderer Macht's. Dass dies zu keinem guten Arbeitsergebnis führt, liegt auf den Hand.
Ich behaupte, dass sich gruppendynamische Prozesse auf Gesellschaftsebene ähnlich erklären lassen. Hier wird die gefühlte Ungleichheit zu anderen Gruppenmitgliedern oft am Einkommensniveau (Westeuropa) oder zusätzlich am Freiheitsniveau (Nordafrika, Kleinasien) festgemacht. Wenn es dann zu persönlicher Vorteilsnahme in Form von Korruption kommt, wird die Ungleichheit viel größer. Gesellschaftspolitisch entspricht die genaue Zuweisung und Abgrenzung einer Aufgabe in der Tatsache, dass jemand Arbeit hat. Die Arbeit stiftet Sinn. Zusätzlich kann man sich durch spezielles Können von anderen Gruppenmitgliedern unterscheiden. Eine gesunde Form von Ungleichheit muss sein. Dies ist allein dadurch bedingt, dass jeder Mensch andere Motivationen hat, Leistung zu erbringen. Wir können weder ein Volk von Häuptlingen, noch ein Volk von Indianern sein. Manche Menschen sind bereit, mehr Risiko zu tragen als andere. Das ist auch gut so. Nur so kommt qualitatives und quantitatives Wachstum zustande. Erschwerend für die Lösung dieser Aufgabe kommt hinzu, dass wir die Besetzung des Teams „Gesellschaft“ nicht ändern können, wie es der Arbeitgeber in seinen Arbeitsgruppen kann.
Was kann also die Politik tun, damit solche gefühlten Ungleichheiten nicht mehr stattfinden? Es geht zunächst einmal darum Arbeitsplätze zu schaffen, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen (Mindestlohn). Sogenannte Klientelpolitik, wie sie auf Bundesebene oft sichtbar wird -MWSt. Ermäßigung für Hotelleistungen – um nur eine zu nennen, ist wo immer es geht, zu vermeiden. Hier wird eine kleine Gruppe auf Kosten der Allgemeinheit bevorzugt. Solche Entwicklungen zu korrigieren, ist in der sozialen Marktwirtschaft Aufgabe der Politik. Die Unternehmer werden immer versuchen, einen größeren Anteil vom Bruttoinlandsprodukt zu erhalten, als gesellschaftspolitisch wünschenswert ist und somit die gefühlte Ungleichheit vergrößern. Dies ist der egoistische Antrieb des Kapitalismus. Mit ihm verhält es sich wie mit einer Medizin. Die richtige Dosis hilft, zu viel schadet. Eine Gesellschaft kann nur mit einem bestimmten, nicht allzu hohen Maß an gefühlter Ungleichheit umgehen, wenn diese nicht durch etwas anderes kompensiert wird. Spiritualität kann eine solche Kompensation sein. Es ist wahrscheinlich die Kombination von Spiritualität und Tradition, die die enorm hohe Ungleichheit des individuellen Wohlstandes z.B. in Indien zulässt. Wir, die wir in einem Staat leben, in dem Politik und Glauben getrennt sind, müssen deshalb viel höhere Anforderungen an unsere Politiker stellen, die soziale Ungleichheit auf ein gesellschaftlich optimales Maß zu begrenzen. Nur so kann der soziale Friede gewahrt bleiben.





